Historie

Ein Gelände an der Quartiersgrenze
Zur Entstehung der „neuen balan“ im lokalen Kontext

Geografisch wird das Gelände „neue balan“ dem Münchner Stadtteil Ramersdorf zugeordnet, im Grunde aber befindet es sich in einer Grenzzone zwischen Haidhausen, Obergiesing und Ramersdorf. Zwischen 1826 und 1864 wurden diese kleine Bauern-, Mühlen- und Fischerdörfer als neue Vorstädte Münchens eingemeindet und Schritt für Schritt an die Residenzstadt angebunden. Mit dem Umbau von Haidhausen ab 1870 wurden einige Straßen in Anspielung auf siegreiche Schlachten des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 nach französischen Orten benannt, wie beispielsweise Weißenburger Platz und Sedanstraße. So bezieht sich die 1880 gebaute Balanstraße auf einen Ort bei Sedan: Balan war am 1. September 1870 Schauplatz einer bedeutenden Schlacht des deutsch-französischen Krieges, die letztlich über die französische Kapitulation entschied. Die Bedeutung der neuen Stadtteile wuchs besonders mit der Eröffnung des Haidhauser Bahnhofs 1871 – dem heutigen Ostbahnhof – und der Anbindung an die Innenstadt durch ein Straßenbahnnetz. In Folge der allgemeinen Industrialisierung in Nord-West-Europa wuchsen im 19. Jahrhundert auch die Vorstädte Haidhausen und Giesing sehr stark an; sie wurden zu Herbergenvierteln für Kleinhändler, Handwerker, Arbeiter und Tagelöhner; die Münchner Obrigkeit gestattete den nunmehr in Massen zugewanderten Arbeitskräften kein Niederlassungsrecht in der Residenzstadt. Etwa ab dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts entwickelte sich der Stadtteil vor allem zum Wohnquartier von Arbeitern, Beamten und Angestellten, so dass Haidhausen um die Jahrhundertwende und besonders ab den 1930er Jahren Sanierungsmaßnahmen und eine Aufwertung erlebte. Nach dem Zweiten Weltkrieg und besonders im Zuge der allgemeinen Modernisierung Münchens wurden in den letzten Jahrzehnten die traditionellen, klein- bis mittelständischen Handwerksbetriebe immer mehr durch Dienstleitungsunternehmen mit vielen Bürokomplexen abgelöst. Die ehemaligen Arbeiterquartiere Giesing, Haidhausen und Ramersdorf erlebten so genannte „Gentrifizierungsprozesse“ gerade aufgrund ihres Industrieflairs und entwickelten sich zeitversetzt zu attraktiven, begehrten Wohn-, Arbeits- und Freizeitorten mit entsprechenden Angeboten.

Von der Wiege der Halbleiter zur „neuen balan“

Vermutlich seit dem 18. Jahrhundert nutzte die Familie Kustermann große Geländeabschnitte im heutigen Ramersdorf für ihre Eisenfabrikationsbetriebe und als Lagerflächen, darunter auch bis 1949 das Areal zwischen der Balanstraße, Claudius-Keller-Straße und Sankt-Martin-Straße. Nachdem die Firma Siemens & Halske, gegründet im Jahr 1847 in Berlin und seit 1890 in München ansässig, im Jahr 1949 seinen Firmenhauptsitz nach München verlegte, begann das Unternehmen noch im gleichen Jahr eine Vielzahl von Anwesen im Münchner Stadtraum zu erwerben und Geschäftsbauten, Wohn- und Freizeitanlagen für die Mitarbeiter zu errichten; somit hat Siemens wesentlich zur Entwicklung von Ramersdorf beigetragen. Für das 100.000 qm große Gelände an der Balanstraße 73 wurden 1955 drei Architekturbüros zu einem Wettbewerb für neue Verwaltungs-, Fertigungs- und Laboratoriumsbauten sowie einer Wohlfahrtsanlage eingeladen. Der Entwurf der Architekten Hans Maurer und Eduard v.d. Lippe erhielt schließlich den Zuschlag. Maurer entwarf für Siemens zahlreiche Objekte auf der ganzen Welt und auch in München wie das Verwaltungsgebäude des Firmensitzes am Oskar-von-Miller-Ring. Die einzelnen Gebäude der Balanstraße entwickelte Maurer aus ihrer Zweckbestimmung heraus: Büro- und Laborgebäude, Fabrikationsräume mit großen breiten Wandteilen und Bauten mit Vollklimatisierung für abweichende Herstellungsprozesse. Schwerpunktmäßig wurden auf dem Gelände elektronische Bauelemente und Halbleiter entwickelt und hergestellt; gemeinsam mit anderen wissenschaftlichen Institutionen wurde außerdem an der Erforschung der Laser-Technologie gearbeitet. Mit der Ausgliederung verschiedener Geschäftsbereiche wurde für das Halbleitergeschäft 1999 die Infineon Technologies AG gegründet, für die das Gelände in der Balanstraße 73 zum Hauptverwaltungssitz und zum Standort für die Chips-Entwicklung wurde. Aufgrund von Umstrukturierungen und Auslagerungsprozessen jedoch zog Infineon im Jahr 2006 an den Stadtrand Münchens. Noch im gleichen Jahr wechselte das Gelände in den Besitz der Interco Grundvermögen GmbH. Im Jahr 2007 begann der Investor, die Allgemeine Südboden Grundbesitz AG, mit dem Um- und Ausbau zum Büro- und Gewerbegelände. Dabei wurde nach dem Konzept der bestandsorientierten Nutzung vorgegangen: die vorhandenen Gebäude wurden grundsaniert und umgenutzt in Anknüpfung an Bestehendes; gleichzeitig aber wurde hinsichtlich der Geländenutzung ein vollkommen neuer Schritt vollzogen: So lassen sich heute auf der „neuen balan“ eine Mischung an Firmen unterschiedlicher Größen aus folgenden Bereichen finden: IT, Börse, Werbung, Bekleidung, Medien, Kommunikation, Gastronomie, Design, Architektur, Bau, Manufaktur, Fachhandel, Fotografie, Touristik, Physiotherapie, Elektronik, Software, Entertainment, Steuern, Immobilienhandel, Kosmetik, Verlag, Publizistik, Kunst. Zusätzlich haben sich auf dem Areal aber auch eine integrative Montessori-Schule mit Hort sowie die Mediadesign Hochschule für Design und Informatik angesiedelt und decken damit soziale und kulturelle Aspekte ab. Dies entspricht einem ganzheitlichen Ansatz der Gelände-Planung, der auch sich auch in einem begrünten Areal zur Erholung und in den Gastronomieangeboten zum Ausdruck kommt.

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